„Aus welcher Studie stammt dieser Durchschnitt eigentlich?“
In die Unterlagen für die Geschäftsleitung hab ich mal einen Durchschnittswert aus der Studie einer anderen Firma reinkopiert. Nur eine Zeile, so in der Art: „ChatGPT zitiert pro Antwort im Schnitt soundso viele Quellen.“
Im Meeting kam dann jemand mit einer anderen Studie, und über genau diese Zeile haben wir nur noch aneinander vorbeigeredet. Die Kennzahl hieß in beiden Studien gleich. Der eine Wert war trotzdem rund dreimal so hoch wie der andere.
Da hing ich dann auch fest. Liegt eine der beiden Zahlen daneben? Oder stimmen beide?
Nebeneinandergelegt habe ich zwei Zählungen. Die eine hat über 25 Millionen Links aus KI-Antworten gezählt, die andere 126 Millionen Prompts aus den USA.
Wie viele Quellen zitiert ChatGPT in einer Antwort?
Das kommt auf die Studie an. Bei Muck Rack sind es im Schnitt 5, bei Semrush 15.
Muck Rack hat über 25 Millionen Links ausgezählt, die in KI-Antworten standen (dritte Ausgabe, veröffentlicht am 7. Mai 2026). Erfasst sind drei Systeme: ChatGPT, Claude und Gemini.
Semrush hat 126 Millionen KI-Suchprompts aus den USA ausgewertet, und zwar aus dem Zeitraum Januar bis April 2026 (Mitteilung von Semrush). Hier sind es vier: ChatGPT, Gemini, Google AI Mode und AI Overviews.
Ein Prompt, das ist eine einzelne Frage an die KI.
„Zitate pro Antwort“ heißt: Wie viele Quellen führt die KI in einer einzigen Antwort an? Diesen Namen tragen die Kennzahlen beider Studien.
Gleicher Name, und bei Semrush steht das Dreifache von Muck Rack.
Sogar die Rangfolge zwischen ChatGPT und Gemini dreht sich um
Stell die beiden Studien mal nebeneinander:
- Muck Rack: ChatGPT 5, Gemini 8
- Semrush: ChatGPT 15, Gemini 3
Bei Muck Rack zitiert Gemini mehr, bei Semrush ChatGPT. Heißt, welche KI als die mit den vielen Quellen dasteht, hängt davon ab, welche Studie jemand mitgebracht hat.
Wenn nur die Werte auseinanderlägen, ließe sich das vielleicht mit Messschwankungen erklären. Dreht sich aber die Reihenfolge um, kommt eben der Verdacht auf, dass die beiden gar nicht dieselbe Größe messen.
Wie weit unterscheiden sich Zählweise und Bedingungen?
Soweit es sich aus dem herauslesen lässt, was die beiden veröffentlicht haben, liegen sie an diesen Stellen auseinander:
- Messzeitraum: Semrush nennt Januar bis April 2026, Muck Rack nennt keinen (die dritte Ausgabe von Muck Rack erschien im Mai 2026)
- Erfasste Plattformen: drei gegen vier
- Region: Semrush nennt die USA, Muck Rack nennt keine
- Einheit der Datenmenge: 25 Millionen Links gegen 126 Millionen Prompts
Eine Zahl von Links und eine Zahl von Prompts gehören nicht auf dieselbe Skala.
Die eine Studie zählt, wie viele Quellen in den Antworten aufgetaucht sind, die andere, wie viele Fragen gestellt wurden. Das ist doch ungefähr so, als würde die eine Bäckerei die Brötchen zählen, die über die Theke gegangen sind, die andere ihre Bestellungen, und beide würden dasselbe Schild ins Fenster hängen: „Viel los“.
An der Stelle habe ich aufgehört, die Zahlen der beiden Firmen in dieselbe Tabelle zu schreiben.
Woran die beiden festmachen, was als ein Zitat zählt, legt allerdings keiner der Herausgeber offen. Dass die vier Unterschiede oben den Abstand erzeugt haben, lässt sich deshalb nicht mit Bestimmtheit sagen. Dieser Zusammenhang bleibt eine Vermutung.
Wohin gehört der Durchschnitt aus einer fremden Studie, damit er etwas taugt?
Beide Firmen haben ihre Zahl selbst gemessen und selbst veröffentlicht. Muck Rack ist ja ein Werkzeug für PR und Unternehmenskommunikation, Semrush verkauft genau diese Art Tracking für KI-Sichtbarkeit.
Ein Eigeninteresse macht eine Zahl noch nicht zur Lüge. Mehr als „stimmt unter den eigenen Bedingungen“ gibt aber halt keine der beiden her.
Eine der beiden auszusuchen und als eigenen Zielwert zu setzen, geht damit nicht mehr. Denn sobald du dich für eine entscheidest, jagst du einem Durchschnitt hinterher, bei dem nichts garantiert, dass Zeitraum, Plattformen und Region zu deinen eigenen Zahlen passen.
Darf die Zahl dann überhaupt noch in die Unterlagen? Darf sie schon. Schreib daneben, aus welcher Studie sie stammt, von wann sie ist und welchen Ausschnitt sie abdeckt. Wer sie liest, bekommt die Bedingungen dann gleich mit.
Leg deinen Maßstab in drei Punkten fest, bevor du misst
Was zählt als ein Zitat? Mit welchem Modell misst du? Wie oft misst du nach?
Diese drei legst du vorher fest und schreibst sie als „Messbedingungen“ in eine Ecke des Berichts. Wenn auch der Vormonat schon nach dieser Festlegung gemessen ist, kannst du beide Monate nebeneinanderlegen und den Unterschied ablesen.
Den Durchschnitt aus fremden Studien darfst du aus der Zielwert-Spalte nehmen. Er ist nicht unter denselben Bedingungen entstanden wie deine Zahlen. Ob du ihn übertriffst oder verfehlst: Was passiert ist, liest du daraus nicht ab.
Die Studien selbst musst du dafür ja nicht wegwerfen. Für ein Gefühl, in welcher Größenordnung sich die Branche bewegt, reichen sie völlig.
Sie ziehen nur um, aus der Zielwert-Spalte auf die Landkarte.
Quellen
- Linda Zebian, “Earned media still drives 84% of AI citations. Here’s what that means for PR.”, Muck Rack Blog, 2026-05-07, https://muckrack.com/blog/what-is-ai-reading-may-2026
- Semrush, “Semrush Releases Expanded 2026 AI Visibility Index, Analyzing 126 Million AI Search Prompts”, 2026-06-26, https://www.semrush.com/news/463141-semrush-releases-expanded-2026-ai-visibility-index-analyzing-126-million-ai-search-prompts/