„ChatGPT bringt plötzlich Traffic — schieben wir jetzt Budget rüber?”
Seit rund einem Jahr vergeht kein Monat, in dem mir nicht jemand aus dem E-Commerce erzählt, sein ChatGPT-Traffic steige. Du hast chatgpt.com wahrscheinlich auch schon in deinem Quellen-Report auftauchen sehen.
Ging mir genauso. Ich schau auf diese Spalte ehrlich öfter, als die Zahl es verdient.
Aber „das wächst” und „da gehört Budget rein” sind zwei verschiedene Sätze. Der zweite braucht einen Zeitplan — und den konnte bis vor Kurzem halt keiner zeichnen.
Schauen wir uns also erst mal an, was das Volumen wirklich gemacht hat. Und dann, ob das Geld mitgekommen ist.
Das Volumen ist größer, als du denkst
Adobe hat auf der eigenen Analytics-Basis über US-Retail-Seiten einen Traffic aus generativer KI gemessen, der um 1.200 % über Juli 2024 liegt. Kein Tippfehler. Das sind grob 13× in gut einem Jahr.
Seit September 2024 verdoppelt sich das Ganze etwa alle zwei Monate. Über die Feiertage 2024 lag es 1.300 % über dem Vorjahr, am Cyber Monday sogar 1.950 %.
So eine Kurve sieht nach einem jungen Kanal aus, der gerade laufen lernt. Und es ist nicht die Macke eines einzelnen Markts: Die BCG-Umfrage unter mehr als 9.000 Leuten in neun Ländern zeigt einen Shopping-Einsatz von KI, der zwischen Februar und November 2025 um 35 % gewachsen ist — bei täglichen Nutzern wird der Assistent zur zentralen Station vor dem Kauf. Selbst in Japan liegt die Nutzungsquote bei 48 %.
Aber der Umsatz wächst nicht in gerader Linie
Und jetzt wird’s interessant. Kaiser und Schulze, von der Goethe-Universität Frankfurt und der Mannheim Business School, haben 973 E-Commerce-Seiten beobachtet und was Merkwürdiges gefunden. Die CVR (Conversion Rate — die Kaufquote) der ChatGPT-Besuche steigt, während der AOV (Average Order Value — der Umsatz pro Bestellung) sinkt.
Heißt: Es kaufen mehr Leute, aber jeder Warenkorb ist kleiner. Und die beiden Effekte heben sich zum Teil auf.
Ein echter Dreh — kein Wachstum in gerader Linie.
Adobe zeichnet dieselbe Form aus einem anderen Winkel. KI-Traffic konvertiert immer noch 9 % unter dem klassischen Schnitt — im Juli 2024 waren es aber noch 43 %. Der Abstand schließt sich also schnell, er steht nicht still. Das ist kein „funktioniert nicht”. Das ist „funktioniert verwickelter, als die Schlagzeile verrät”.
Und wann wird’s jetzt ein Hauptkanal?
Genau das will ein Marketer festnageln. Die zeitliche Lesart von Kaiser und Schulze bleibt vorsichtig: ChatGPT-Referrals nähern sich den klassischen Kanälen, dürften die (den Punkt, an dem beide gleich gut laufen) aber wohl nicht innerhalb eines Jahres erreichen.
Und der Anteil ist noch winzig. ChatGPT-Referrals liegen bei rund 0,21 % des Traffics. Allein mit dieser Zahl ist „Haupt-Umsatzquelle” verfrüht. Aber wie überlegt der Kauf ist, ändert das Tempo: Je durchdachter die Kaufentscheidung, desto besser schneiden diese Referrals ab. Ein Szenario, in dem die erklärungsbedürftigen Kategorien den Abstand zuerst schließen, ist also gut möglich.
Fazit: Erst die Messung fixieren, dann das Budget
KI-Traffic wächst, keine Frage. Aber ihn heute schon als Hauptkanal zu behandeln, ist ein Sprung. Was jetzt wirklich zahlt, ist der langweilige Teil: ein Mess-Setup, das den Kipppunkt erkennt, und eine kleine Budgetzeile für Experimente, bevor du echtes Geld setzt.
Zieh mindestens deine KI-Quellen aus dem „Direct”-Topf heraus und lies Woche für Woche dieselben drei Zahlen mit derselben Definition: Trafficanteil, Conversion Rate und Warenkorbwert. Adobes Tracking und die Kaiser-&-Schulze-Studie über 973 Shops geben dir einen externen Maßstab für deine eigene Kurve. Mach das jetzt, dann rennst du dem Tag nicht hinterher, an dem es endlich Mainstream wird.
Wenn du die Conversion-Seite tiefer willst: ChatGPT-Besucher kaufen öfter als Paid Social, du musst nur zwei Zahlen lesen macht genau da weiter, wo hier Schluss ist.
Quellen
- Kaiser, M. & Schulze, C. (Goethe University Frankfurt / Mannheim Business School), “ChatGPT Referrals to E-Commerce Websites: How Do LLMs Compare Against Traditional Channels?”, SSRN Working Paper, 2025, DOI: 10.2139/ssrn.5585812
- Adobe, “Adobe Analytics: Traffic to U.S. Retail Websites from Generative AI Sources Jumps 1,200 Percent”, Adobe Blog, 2025
- Boston Consulting Group, “Consumers Trust AI to Buy Better. Brands Need to Move Quickly.”, BCG, 2026
Verwandte Artikel
- ChatGPT-Besucher kaufen öfter als Paid Social. Du musst nur zwei Zahlen lesen. — wo die Conversion wirklich steht
- ChatGPT schrumpft die Suche – was bleibt bei SEO, was wandert zu GEO — wie sich das Suchverhalten verschiebt
- „Warten wir aufs nächste KI-Modell” — genau das ist die Falle, hab ich gemerkt — wohin sich KI entwickelt